Abenteuer schlitteln

Manchmal denke ich mir, dass man es als Kind irgendwie gut hat in Bezug auf Abenteuer. Man entdeckt jeden Tag immer wieder was Neues, was man so noch nicht erlebt hat. Das erste Mal ohne Stützräder Fahrrad fahren, der erste Sprung ins Wasser, zum ersten Mal in den Zoo gehen, im Kindergartentheater auf der Bühne stehen, das erste Mal Weihnachten feiern, das erste Faschingsfest, Freunde zur Geburtstagsparty einladen, der erste Schnee und so weiter. Wenn man dann erwachsen wird, das erste Bier, das erste Mal verliebt in Mr. Unerreichbar sein (bei mir war es Campino), der erste Kuss, der erste Liebeskummer, … jeder kann sich überlegen was alles seine tausend ersten Male waren. Und dann wird man Erwachsen. Und dann beginnt man zu arbeiten, baut sich seine Komfortzone auf und wo sind all die Abenteuer geblieben? Nun, in Berlin gibt es den Teufelsberg (ein aufgeschütteter Müllberg) und in Leipzig bei Oma und Opa gibt es „die grosse Warze“, ein kleiner Berg im Clara Zetkin Park. Dort war ich das erste Mal Schlittenfahren. Wenn man in der Schweiz lebt, versucht man sich ja den Abendteuern hier anzupassen.

Also sagte ich zu, bei der Frage ob wir im Winter mal in Begrün Schlittenfahren fahren (heisst das so?) Ok, ich bin assimiliert…“gang go schlitteln“ Wir trafen uns morgens auf dem Parkplatz unterhalb des Bahnhofes Bergün, da dieser angeblich keine Parkgebühren erhebt. Das hat sich aber geändert, eine Tagesparkkarte kostet dort inzwischen auch fünf Franken. Schnell einen Schlitten gemietet (schlauer ist es den Schlitten für eine Person zu nehmen, da man leichter ist habe ich gelernt) Apropos Gewicht und Geschwindigkeit….da war ja noch die erste Physikstunde in der Schule…..Mit der Bergbahn geht es nach Preda. Warum warten hier denn alle und fahren nicht los? Tja, wenn man mit dem Schlitten quasi aufgewachsen ist, weiss man, dass man am besten wartet bis alle losgefahren sind, weil einem dann nämlich niemand hinten rein fährt. Diesen Heimvorteil des Wissens habe ich nicht und da meine Mittschlittler es auch nicht so schlimm finden, wenn jemand reinfährt, bzw. das Ausweichen um einiges besser gelingt (sah zumindest so aus) fahren wir los. Der obere Abschnitt war für mich der Schönste, langsam, manchmal muss man absteigen, weil man nicht genug Fahrt drauf hat, herrlicher Schnee, Sonnenschein. Toll denke ich, ein kleines Abenteuer ausserhalb des arbeiten, nach Hause fahren, schlafen- Trotts und das in nur zwei Stunden von zu Hause erreichbar. Das Leben ist soooo schön.  Nach einer Rast auf der Alm höre ich eine Freundin noch warnen, dass der nächste Abschnitt weh tut. Gut, denke ich mir, es gab kein Eis auf der Strecke, der Schnee ist weich, was soll denn schon passieren. Und dann…ich sage nur steile, schmale Strecke, Hügel, Schneematsch, jede Menge von diesen 2 Mann besetzen Schlitten im Nacken, Kinder die sich vor nichts fürchten und  nur Kurven ohne Sicherheitsnetz und doppelten Boden. Laufen ist keine Option, das wäre noch mehr Lebensgefahr und ausserdem warnt auch an jeder Ecke ein Schild, dass man nicht absteigen, sondern das Feld umgehend räumen soll. Der Schlitten hat keine Federung und ich weiss jetzt genau wo in meinem Rücken die wirklichen Problemzonen sind- ich sage Euch, Bauch-Beine-Po sind hausgemachte Probleme. Mein Schleudertrauma meldet sich wieder und überhaupt, weil wir eben nur den Teufelsberg hatten, weiss ich gar nicht welchen scheiss Fuss man auf welcher Seite rausstrecken muss um in die richtige Richtung zu lenken. Unten angekommen, habe ich meine ganze während der Fahrt aufgestaute Wut auch schon wieder vergessen, es gibt einen Hofladen mit Produkten aus der Region, vor allem aber heisser Schokolade für 1.50CHF. Die Anderen gehen nochmal eine Runde fahren, ich kaufe mir solange eine Zeitung und warte an der Schneebar mit nem Glühwein gegen die Kälte und schaue mir Begrün im Winter an. Ein amerikanischer Tourist, fragt mich ob mir der Hofladen gehöre, weil die heisse Ovi sei alle. Ich helfe ihm die Besitzer zu finden, welche die Kanne auffüllen und bin doch erstaunt wie gut mich fremde Menschen einschätzen können. Wenn ich nämlich in Begrün leben würde, wäre ich sicher nicht die ganze Zeit am schlitteln, sondern würde am Ende der Piste mit Kuchen, Tee und belegten Brötchen (so wie das erste Schulbrot) mein Geld verdienen.