Preda und Prada in Graubünden

Der Zug in dem wir sitzen, schraubt sich durch einen Kehrtunnel von Bergün nach Preda. Es ist 22.17 Uhr und es ist der letzte Zug an diesem Abend. Wer  ihn verpasst, erreicht Preda nicht mehr. Wir fahren durch einen Kehrtunnel. Der einzige Beweis für den Kehrtunnel ist der Kompass auf dem iphone. Er zeigt fast 360 Grad an.

Preda und der Albulatunnel

Preda ist der Startpunkt der längsten Schlittenpiste Europas. Im Winter verwandeln sich die Albulapass Strasse und Wanderwege in eine für mich gefühlte Achterbahn. Das Hotel Preda Kulm befindet sich am Nordtor des Engadin und steht schon länger als der Albulatunnel.  Die Gastgeber des Hotels, Familie Oberli laden ein, die Ruhe in gemütlicher Atmosphäre zu geniessen. Die Zimmer sind gross und sehr  heimelig. Vor dem Hotel wird der neue Albulatunnel zwischen Preda und Spinas gebaut. Der Albulatunnel wurde 1903 in Betrieb genommen und ist heute UNESCO Weltkulturerbe. Eine Zustandserfassung hat ergeben, dass der Tunnel gravierenden Erneuerungsbedarf hat, zudem weise er Mängel in der Sicherheit auf. Nach eingehender Prüfung habe man sich für die Erneuerung statt Instandsetzung entschieden erklärt die Rhätische Bahn. Die Bauarbeiter kommen gerne zu Mittag in das Hotel zur Familie Oberli und das noch bis mindestens Ende 2021, dann wird der neue Tunnel in Betrieb genommen. Die Baustelle beeinträchtigt die Ruhe im Hotel überhaupt nicht und die glasklare Luft sorgt für einen erholsamen Schlaf in den Bergen.

Prada in St. Moritz

Ich finde eine Fahrt durch einen 5864 Meter langen Tunnel mit „erheblichen Nachholbedarf“ in Punkto Sicherheit mindestens ebenso mutig wie eine Fahrt auf einer 6km langen Schlittenbahn verkünde ich beim Frühstück und entscheide mich für eine Fahrt nach St. Moritz. Ich kaufe wegen des geringen Aufschlages die erste Klasse. Hinter mir sitzt eine Familie, Vater, Mutter und drei Kinder. Samstagsshopping in St. Moritz. Der älteste Sohn fragt nach dem Budget, welches jedem zustehen würde. Der Vater antwortet 1000 CHF pro Person. Auf die Anmerkung der Tochter, dann könne sich die Mutter ja nicht die versprochene Chanel Tasche kaufen, beruhigt sie der Vater, die Tasche sei ausgenommen. Der mittlere Sohn klagt, dass er in der Schule geärgert wurde. Der Vater entschuldigt die Familie, welche ihn geärgert hat, die Eltern hätten gerade Geldprobleme und das übertrage sich auf die Kinder.

„Die Menschen haben keine Zeit mehr irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr.“ (Antoine de Saint-Exupéry)

In St. Moritz scheint die Sonne und die Pelze schimmern in der Sonne so schön, findet bestimmt die ein oder andere Dame, welche ihren Pelz spazieren trägt. Spiegeln kann man sich in den Schaufenstern der Prada & Co Läden. Ich brauche Sonnencreme, nicht, dass ich irgendwann meine Sonnenbrand Falten wegspritzen lassen muss und betrete eine Apotheke. Dort werde ich erstaunlich gut beraten, die Luft in den Bergen sei sehr trocken wofür es gleich eine passende Sonnencreme gäbe. Ich nehme sie mit, verschweige aber, dass ich sie auch in Zürich benutzen werde. Hoffentlich verzeiht es mir meine Haut, nicht für jedes Gefilde eine passende Creme aufgetragen zu bekommen. Da ich dummerweise auch ein Haargummi vergessen habe, bekomme ich welche für 16 CHF das Stück von Chanel, Gucci und Louis Vuitton angeboten. Sie leiern niemals aus und seien ein Statement. Och, für das Geld bekomme ich zweihundert Stück bei H&M entschuldige ich mich und kaufe nur noch eine Packung Aspirin für meine Schlittel Freunde. Immerhin bekomme ich noch zwei Chanel Cremes als Probe. Dass es sich um Augencreme handelt, ignoriere ich unkommentiert und ziehe weiter. Meine erste Pause mache ich in der Konditorei Hanselmann. Trinke Tee und geniesse einen wunderschönen Blick auf den zugefrorenen Moritzsee. Ja, finde ich, wer in St. Moritz ist, sollte dort einmal Pause gemacht haben. Weiter geht es Richtung Vito Schnabel Galerie. Auf dem Weg dahin, laufe ich an „Joy“, einem Bekleidungsgeschäft vorbei. Im Schaufenster sehe ich einen schönen Pullover und spaziere hinein. Der besagt Pullover soll 1500 CHF kosten, also mache ich nur ein Foto zum nachstricken, wenn ich mal Zeit habe. Von der gleichen Marke gibt es noch kleine Kuscheltierhasen für 600 CHF.  Hoffentlich sieht ihn das kleine Mädchen aus dem Zug nicht, dann hat es nur noch 400 CHF übrig für heute, denke ich und gehe weiter.  Heidi Klums Lover eröffnete seine zweite Galerie Ende letzten Jahres. Die Räumlichkeiten finde ich sehr schön, leider gefallen mir die Bilder der aktuellen Ausstellung nicht wirklich, so dass ich nicht lange bleibe. Am Ausgang stolpere ich über ein Haargummi mit einem kleinen „Fellpuschel“, es ist verpackt. Ich gebe es der Galeristin, sie reicht es mir zurück und sagt ich solle es behalten. Die Besitzerin sei heute abgereist. Nach kurzem zögern bedanke ich mich, nachdem sie mir versichert, dass es kein echtes Fell sei. Ich finde es ist erstaunlich leise in St Moritz, es ist ein stilles sehen und gesehen werden. Das Stadtbild ist neben teuren Geschäften auch durch Kutschen geprägt. Eine Oase ist der kleine zugefrorene See im Kulm Park. Die Kinder sind am Schlittschuhlaufen, die Erwachsenen sitzen auf der grossen Sonnentrasse des „Chesa al Parc“ Restaurants, trinken ein Bier und schauen zu. Das Restaurant hat ein sehr gutes Preis- Leistungs Verhältnis in gemütlicher Atmosphäre.

Der schiefe Turm von St. Moritz

Das Wahrzeichen von St. Moritz ist der 33 Meter hoch „schiefe Turm“. Den Neigungswinkel musste ich nachlesen, es sind 5.5 Grad. Neben dem schiefen Turm ist an jedem Wegweiser „The St. Moritz design Gallery“ angekündigt. Neugierig mache ich mich auf den Weg und entdecke eine Rolltreppe in ein Parkhaus. Gemütlich kann man sich am Parkhaus vorbei zum St. Moritz See kutschieren lassen. Die Wände sind mit St.HUMORitz Plakaten geschmückt. Die Plakate sind wirklich witzig. Grinsend laufe ich zum Bahnhof zurück, setze mich erschöpft von der guten Luft und Sonne automatisch in die zweite Klasse. Die Schlittelbahn ist inzwischen wegen des Wetters gesperrt und wir lassen den Abend beim Käsefondue der Familie Oberli ausklingen.